rosablog

1 Jahr vor Rosa Luxemburgs 150. Geburtstag - 1 Jahr nach ihrem 100sten Todestag - jetzt möchte ich (Marianne Ramsay-Sonneck) ihre Texte auf diese Weise teilen:

Als Tagebuch - Blogeinträge

16. April 2020

Immer wieder fasziniert mich in Rosa Luxemburgs Schriften ihr unverbrüchlicher Glaube an die „proletarischen Massen“ - ihre durch und durch positive Einstellung einer riesigen Gruppe von Menschen gegenüber und ihre glühende Überzeugung, dass die Selbstermächtigung dieser Menschen möglich und für das Weltgeschehen notwendig sei.
Und gerade jetzt in dieser Situation der weitgehenden Isolation, des krassen Mindestabstand-Vereinzelns der Menschen, scheint mir diese Haltung Rosa Luxemburgs besonders bedeutsam - der „handelnde Chorus“ eine imminente, essentielle Forderung. Aber wie erreichen?

„Allein es ist hohe Zeit, dass die sozialdemokratische Arbeitermasse lernt, ihre Urteilsfähigkeit und Aktionsfähigkeit zum Ausdruck zu bringen und damit ihre Reife für jene Zeiten großer Kämpfe und großer Aufgaben darzutun, in denen sie, die Masse, der handelnde Chorus, die Leitungen nur die „sprechenden Personen“, die Dolmetscher des Massenwillens sein sollen.“

Massenstreik, Partei und Gewerkschaften (Gesammelte Werke, Band 2 p.170) 1906
Erhältlich: hier , beim Karl Dietz Verlag Berlin


5. April 2020
Genau 11 Monate noch bis zu Rosa Luxemburgs 150. Geburtstag

Als ich vor 2 Jahren anfing, mich mit Rosa Luxemburg zu beschäftigen, war dieser Text einer der ersten, die mich in ihren Bann zogen. Sie beschreibt eine Szene aus ihrer Kindheit im damals russischen Warschau. Wie so viele ihrer Briefe ist auch dieser im Gefängnis verfasst.

"Damals zu Hause schlich ich mich in der frühesten Morgenstunde ans Fenster — es war ja streng verboten, vor dem Vater aufzustehen —, öffnete es leise und spähte hinaus in den großen Hof. Da war freilich nicht viel zu sehen. Alles schlief noch, eine Katze strich auf weichen Sohlen über den Hof, ein paar Spatzen balgten sich mit frechem Gezwitscher, und der lange Antoni mit seinem kurzen Schafspelz, den er Sommer und Winter trug, stand an der Pumpe, beide Hände und Kinn auf den Stuhl seines Besens gestützt, tiefes Nachdenken im verschlafenen, ungewaschenen Gesicht. Dieser Antoni war nämlich ein Mensch von höheren Neigungen. Jeden Abend nach Torschluß saß er im Hausflur auf seiner Schlafbank und buchstabierte laut im Zwielicht der Laterne die offiziellen „Polizeinachrichten“, daß es sich im ganzen Hause wie eine dumpfe Litanei anhörte. Und dabei leitete ihn nur das reine Interesse für Literatur, denn er verstand kein Wort und liebte nur die Buchstaben an und für sich. Trotzdem war er nicht leicht zu befriedigen. Und als ich ihm einmal auf seine Bitte um Lektüre Lubbocks „Anfänge der Zivilisation“ gab, die ich gerade als mein erstes „ernstes“ Buch mit heißer Mühe durchgenommen hatte, da retournierte er es mir nach 2 Tagen mit der Erklärung, das Buch sei „nichts wert“. Ich meinerseits bin erst mehrere Jahre später dahintergekommen, wie recht Antoni hatte. — Also Antoni stand immer erst einige Zeit in tiefes Grübeln versenkt, aus dem er unvermittelt zu einem erschütternden, krachenden, weithallenden Gähnen ausholte, und dieses befreiende Gähnen bedeutete jedesmal: Nun geht’s an die Arbeit. Ich höre jetzt noch den schlürfenden, klatschenden Ton, womit Antoni seinen nassen, schiefgedrückten Besen über die Pflastersteine führte und dabei, immer ästhetisch, am Rande sorgfältig zierliche, ebenmäßige Bogen beschrieb, die sich wie eine Brüsseler Spitzenborte ausnehmen mochten. Sein Hofkehren, das war ein Dichten. Und das war auch der schönste Augenblick, bevor noch das öde, lärmende, klopfende, hämmernde Leben der großen Mietskaserne erwachte. Es lag eine weihevolle Stille der Morgenstunde über der Trivialität des Pflasters; oben in den Fensterscheiben glitzerte das Frühgold der jungen Sonne, und ganz oben schwammen rosig angehauchte duftige Wölklein, bevor sie im grauen Großstadthimmel zerflossen. Damals glaubte ich fest, dass das „Leben“, das „richtige“ Leben, irgendwo weit ist, dort über die Dächer hinweg. Seitdem reise ich ihm nach. Aber es versteckt sich immer hinter irgendwelchen Dächern. Am Ende war alles ein frevelhaftes Spiel mit mir, und das wirkliche Leben ist gerade dort im Hofe geblieben, wo wir mit Antoni die „Anfänge der Zivilisation“ zum ersten Mal lasen?"

Brief aus dem Gefängnis (Gesammelte Briefe, Band 2, p.68)
erhältlich hier beim Karl Dietz Verlag Berlin